Während ich diesen Beitrag schriebe, sitze ich bereits wieder an meinem Schreibtisch zuhause. Ich habe den Weg zurück gefunden! Wie genau und mit welchen Hindernissen lest ihr hier.
Beitragszeitraum: 22. – 24. September 2020
Tag 77 Bergen
Wie fühlt es sich an, wenn der Körper keine Energie mehr hat? Eine Erfahrung, die ich schlussendlich doch noch machen muss. Während meiner Tour fragte ich mich oft, wo sich unterdessen meine physischen und psychischen Möglichkeiten befinden. Ich dachte nicht, dass ich dies noch während meiner Reise erfahren würde. Vermutlich würde ich mit etwas Qual noch einige Tage auf dem Fahrrad verbringen können. Psychisch hätte ich unterdessen wahrscheinlich ziemlich schnell aufgegeben. Physisch waren meine Energiereserven aufgebraucht. Mein Körper schrie förmlich nach Energie. Eigentlich hätte ich den ganzen Tag mit Essen verbringen sollen. Ich fühlte mich schlapp, trotz meinen zehn Stunden Schlaf in der letzten Nacht. Es fühlte sich an, als wäre alle Energie aus meinem Körper verschwunden. Vermutlich fand sich an meinem Körper kein bisschen Fett mehr 😊
Irgendwann musste ich trotzdem aufstehen, schliesslich knurrte mein Magen bereits auf Hochtouren und etwas Essbares musste her. Ich setzte mich einmal mehr ins Hipstercafé und fiel mit meinem Notebook auch diesmal überhaupt nicht auf.
Auf der Suche nach einer Kartonschachtel für mein Fahrrad und sonstigem Verpackungsmaterial ging ich von Sportgeschäft zu Sportgeschäft und durch einige Einkaufszentren. Nach einigem hin und her hatte ich alles, was ich benötigte. Beziehungsweise versprach mir ein Fahrradladen einen Karton zur Seite zu legen, ich können ihn morgen abholen.
Das Abendessen genoss ich in einem amerikanischen Dinner in der Hoffnung, bei diesem Essen seien zumindest genug Kalorien vorhanden. Da ich mein Schrittziel für diesen Tag bereits wieder um Weiten übertroffen hatte, musste für den Weg mal wieder ein Trottinet her.
Zurück im Hotel begann ich mein Fahrrad zu zerlegen und ordentlich zu polstern. Klassischer Anfängerfehler, ich ignorierte die nicht mögliche Demontage der Pedale und verschob das Problem auf morgen.
Tag 78 Bergen
Einschlafen in dieser Nacht war etwas schwierig. Ich war ein bisschen nervös, ob ich mein Fahrrad und mich problemlos nach Hause bringe. Trotzdem fand ich schlussendlich den benötigten Tiefschlaf.
Der Plan für heute war eine kleine Wanderung. Ich traf ich mit zwei der Leute, welche ich in der Hütte vor einigen Tagen kennengelernt hatte und wir wanderten über zwei der «Berge» in Bergen. Bergen hat eigentlich keine Bergen sondern nur Hügel. Immerhin hielt sich der Regen zurück und es zeigten sich sogar minimale blaue Flecken am Himmel. Auch zu meinem Vorteil war die Gemütlichkeit des Aufstiegs. Denn «Berg» hoch zu rennen, hätte mein Körper ziemlich sicher nicht mitgemacht. Oben angekommen, zeigte sich ein wunderbarer Ausblick über die Stadt.
Auf dem Weiterweg wurde ich von den entgegenkommenden Leuten auf die Seite gejagt, da ich schliesslich unbedingt die 1.5 Meter Abstand einhalten sollte. Immerhin waren dank Corona die Aussichtspunkte leer.
Zurück in der Stadt wollte ich den versprochenen Karton abholen. Im Fahrradladen angekommen, meinte der Mitarbeiter nur sie hätten bereits alle Karton entsorgt. Ich dachte mir nur «Danke dafür!» Dies bedeutete nämlich, dass ich nochmals alle Sportgeschäfte nach einem Karton abklappern durfte.
Die Motivation der meisten Mitarbeiter, mir einen passenden Karton zu organisieren, war sehr gering. Zum Glück traf ich im etwa fünften Sportgeschäft auf einen einigermassen motivierten Mitarbeiter, welcher mir erklärte wo ich einen weiteren Fahrradladen finde.
Der Laden war nicht weit entfernt und als ich ihn betrat, sah ich bereits meine Begierde. Ich meinte nur: «Eigentlich benötige ich genau diesen Karton hier!» Der Mitarbeiter war sogar froh, dass er den Müll nicht selbst entsorgen musste und ich das für ihn übernahm.
Nach einem Spaziergang durch die Stadt kam ich mit dem zwei Meter Karton im Hotel an und begann, mein Rad weiter auseinander zu bauen. Ich probierte eine Ewigkeit lang, meine Pedale zu demontieren. Leider war das mit meinem kleinen Werkzeug unmöglich. Da mein Rad schon halb zerlegt war, hatte ich auch keine Lust einfach mal schnell zum Sportgeschäft zu gehen, um die Pedale abmontieren zu lassen. Mein nächster Versuch war, ordentliches Werkzeug und WD40 zu besorgen. War natürlich nicht so einfach zu bekommen. Schlussendlich durfte ich mit dem halb zerlegten Rad zurück zum Fahrradladen, welcher mir auch den Karton gab, um die Pedale demontieren zu lassen. Immerhin konnte der Mitarbeiter die Dinger problemlos abschrauben.
Zurück im Hotel angekommen, konnte ich endlich mein Rad und Gepäck fertig verpacken. Es war ein riesiger Aufwand, bis alles sicher irgendwo verstaut war. Zum Abendessen, wieder einmal in eine Pizzeria, gings dank meiner Erschöpfung mit dem Trottinet.
Tag 79 Bergen – Niederurnen
Gestern Abend hatte ich noch ein Taxi für diesen Morgen organisiert. Dank meinen Erfahrungen mit Taxis war ich etwas pessimistisch, dass ein ausreichend grosses Auto pünktlich vor meinem Hotel stand. Aber ich wurde nicht enttäuscht. Pünktlich um vier Uhr stand ein Kombi vor der Tür und ich konnte problemlos mein Gepäck einladen.
Die 20-minütige Fahrt führte mich über menschenleere Strassen zum Flugplatz. Zum Glück ist der Flughafen in Bergen relativ klein und übersichtlich. Dort angekommen fand ich also schnell die Gepäckaufgabe.
Eigentlich hätte ich mein Fahrrad anmelden müssen. Das hatte ich auch versucht. Leider kamen die Antworten vom Kundendienst frühstens 24 Stunden später und per Telefon war auch niemand erreichbar. Sie entschuldigten sich, schriftlich und in der Warteschleife, mehrfach für die langen Wartezeiten. «Durch die Pandemie sei der Kundendienst überlastet» hiess es. Ja genau! Vermutlich wurde einfach die halbe Belegschaft in Kurzarbeit geschickt.
Zu meiner Erleichterung konnte ich mein Fahrrad relativ problemlos am Flughafen aufgeben. Da war ein Problem von meiner Liste gestrichen. Bleibt nur noch die Frage, ob auch alles in Zürich ankommt, und zwar in ordentlichem Zustand.
Nach der üblichen Warterei sass ich gegen sechs Uhr im ersten Flugzeug nach Amsterdam. Dort angekommen durfte ich zwei Stunden auf den nächsten Flug nach Hause warten. Dieser war etwas voller als der letzte. Die Erfindung von Noisecanceling Kopfhörer schonte meine Nerven um einiges.
In Zürich angekommen, hatte ich schon meine warme Kleidung bereit. Bemerkte beim Aussteigen aber schnell, dass es hier Kurzehosen Temperaturen hat. Beim Gepäckband angekommen kamen bereits die ersten Koffer und ich musste immerhin nicht nochmals ewig warten. Mein Fahrrad konnten die ja schlecht aufs Förderband legen. Für solches Gepäck gibt es einen extra Ausgabeort. Als sich die Tür jenes öffnete, sah ich einen Mitarbeiter mein Packet lieblos durch die Gegend zu rollen. Naja wäre schliesslich zu viel verlang mit dem Gepäck etwas vorsichtig umzugehen. Mein restliches Gepäck kam halb geöffnet an. Glücklicherweise war nichts herausgefallen. Wenn die schon mein Gepäck kontrollieren müssen, dann schliesst doch die Tasche auch wieder richtig.
Ich hatte absolut keine Lust, mein Fahrrad am Flughafen zusammen zu bauen und nach Hause zu radeln. Darum hatte ich meine Abholung organisiert. Danke dafür nochmals! Mein Karton hatte leider kein Platz im Auto. Aber für diese enormen Parkkosten kann der Flughafen Zürich problemlos meinen Karton entsorgen.
Auf dem Nachhauseweg musste natürlich wieder einmal ordentlich gegessen werden – Burger!
Und dann war ich endlich wieder zuhause. Wäre ich zwei Wochen früher nach Hause geflogen, hätte ich mich vermutlich mega gefreut. Aber irgendwie hatte ich mich bereits darauf vorbereitet und es fühlte sich alles irgendwie normal an. Nichts desto trotz war ich mega froh.
Der Wetterbericht hatte für die kommenden Tage schlechtes Wetter angesagt. Heute wäre der einzige trockene Tag um kurz auf Hirzli zu spazieren. Nach einigem Hin und Her in meinem Kopf entschied ich mich schlussendlich dagegen. Meinem Körper zu liebe.
Nun bleibt mir noch eine Woche, um mich zu resozialisieren, bevor es für mich zurück vor die Bildschirme geht.

Nein ich habe kein Kilogram abgenommen. Ich bin exakt gleich schwer wie vor drei Monaten.
Und nun?
Und nun die Frage ob mir mein Hintern schmerzt und ob ich keine Lust mehr auf Fahrradfahren habe:
Ich dachte mir, es kann schliesslich nicht sein, dass meine Schuhe trocken bleiben.
Vermutlich brauche ich noch etwas Zeit, bis ich überhaupt fertig realisiert und verarbeitet habe, was ich die letzten drei Monate erlebt habe.
Einige Daten zu meiner Reise:
Total Kilometer: 5340.68
Total Höhenmeter: 48734
Platten: 2
Bremsbeläge: 1 Satz
neues Hinterrad: 1
Tage auf Reise: 79
davon auf dem Velo: 59
An dieser Stelle möchte ich mich bei euch für den super Support und die positiven Rückmeldungen/Aufmunterungen herzlichst bedanken! Ich hoffe ihr könnt bald wieder von einem meiner Abenteuer lesen. Für einen Moment müsst ihr nun aber auf kalten Entzug.






















